Die Pflegeversicherung ist in Österreich noch ein Stiefkind
Wie bei allen Änderungen an bestehenden Systemen bedurfte auch die Reform der gesetzlichen Pflegeversicherung zum 1. Juli dieses Jahres vieler Debatten und endloser Diskussionen. Das, was man jetzt auf den Weg gebracht hat, dürfte nach Einschätzung von Experten in rund sechs Jahren allerdings wieder hinfällig sein und muss nachgebessert werden. Immerhin gibt es in der Bundesrepublik eine Pflegeversicherung auf breiter Basis. In Österreich ist man noch weit davon entfernt und sich nicht einmal im Klaren darüber, welche Kosten durch die Pflege in den kommenden Jahren auflaufen. Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo), kann nur grobe Zahlen nennen und die gehen von einer Kostensteigerung bis 2030 in Höhe von 66 bis 200 Prozent aus. Macht umgerechnet zwischen 5,4 und 9,98 Milliarden Euro pro Jahr.
Drei Szenarien wurden durchgespielt, um zumindest einigermaßen Gewissheit zu erlangen, in welche Richtung sich die Ausgaben für die Pflege entwickeln. Ausgangspunkt waren 3,3 Milliarden Euro, die 2006 in Österreich ausgezahlt wurden, und die Zahl derer, die Pflegegeld bezogen. 400.000 Menschen sind es aktuell. Ausgehend von der prognostizierten demographischen Entwicklung rechnet das Wifo mit 66,5 Prozent mehr Pflegegeld-Empfängern im Jahr 2030. Da stellt sich die Frage, ob die öffentliche Hand bei unseren Nachbarn überhaupt in der Lage ist, diese Kosten zu stemmen. Eine gesetzliche Pflegeversicherung wie in Deutschland lehnt man derzeit noch ab.
Dafür ergreifen die Versicherungsunternehmen in Österreich die Chance. Zwölf Assekuranzen haben inzwischen eine private Pflegeversicherung im Angebot und bewerben sie – eher zurückhaltend – als eigenständiges Produkt. Große Erfolge haben die Konzerne damit noch nicht verbuchen können. Die Zahl der Verträge liegt bei 39.000. Eine vergleichsweise magere Ausbeute mit sehr viel Luft nach oben. Der Referent für Bank- und Versicherungsdienstleistungen der Arbeiterkammer, Christian Prantner, sieht das Problem in der Komplexität der Verträge. Sie seien zu kompliziert. Von den 400 Anfragen täglich betreffe keine einzige die private Pflegeversicherung.
In gewisser Weise haben die Unternehmen auf Sand gebaut. Sie kennen die Schwierigkeiten und nennen sie auch beim Namen: Wie viel kostet die Pflege eigentlich? Diese Zahl kennen weder Politiker noch Versicherungen. Das liege unter anderem daran, dass das Thema von der Politik nur halbherzig in Angriff genommen werde. Bei der Generali Gruppe spricht man gar von politischer Verunsicherung. Niemand wisse, ob vielleicht doch ein staatliches Modell entwickeln würde. Zudem sei die Pflege noch nicht in das Bewusstsein der Österreicher gerückt. Guter Dinge ist man dennoch. Die normale Pensionsvorsorge sei auch nur stockend angelaufen. Hoffnungen macht sich die Branche auf staatliche Anreize, die einen Vertragsabschluss attraktiver machen sollen.
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